Last Updated on 1. Januar 2026
Ein CTO für die Tennisvorstände? Das wäre ein Anfang.
Gedanken zum Tennis-Jahreswechsel von Tennisunternehmer, Diplom-Sportlehrer, DTB-A-Trainer und Ex-Bundesligacrack Marc Raffel

Der aufgeklärte, wache Bürger kommt derzeit an schlechten Nachrichten kaum vorbei: Deindustrialisierung, Arbeitsplatzabbau, Schuldentsunamis, Kriege und Verteilungskämpfe prägen die öffentliche Diskussion. Und der Sport? Der Tennissport?
Auch hier haben wir uns in Deutschland längst an Mittelmaß oder die hinteren Reihen gewöhnt. Wir hinken der internationalen Konkurrenz deutlich hinterher. Klar, das eine oder andere Korn fällt auch noch für Sportler mit dem Bundesadler ab – zumindest, wenn man den öffentlich-rechtlichen Medien glauben mag. Doch Takt, Tempo und Schlagzahl werden im internationalen Sport längst anderswo vorgegeben.
Nicht, dass ich der These anhänge, früher sei alles besser gewesen. Aber ich denke gerne an meine eigene Tennisjugend zurück. Damals tat mein Verein alles für uns – für die Jugend. Wir mussten keine Rebellen im Parlament organisieren, sondern wurden gefördert, unterstützt und ernst genommen. In uns wurde investiert. So entstand eine erfolgreiche Tennisgeneration – mit nachhaltigen Effekten für die gesamte Tennislandschaft in Deutschland.
Und heute?
⸻
Keine Innovation – Hauptsache, das Clubheim bleibt

In Anlehnung an das Deutsche Parlament – gewählt von Silver Surfern, Rentnern, Pensionären und Babyboomern (dazu zähle auch ich) – agieren vielerorts auch unsere Tennisvereine. In Vorständen, Ausschüssen und Funktionen sehe ich kaum Jugend, wenig Innovation und noch weniger Entwicklung. Stattdessen klammern wir uns an das Altbewährte.
Neue Projekte und echte Veränderungen haben es schwer, wenn Mitglieder abstimmen. Lieber grüne Wiesen und das vertraute Clubheim als frische Ideen, Talente oder sportliche Ambitionen.
Jetzt denken sicher viele Leser: „Wir haben doch einen jungen, familienfreundlichen Vorstand mit neuen Akzenten – was will der Autor eigentlich?“
Mag sein, dass hier und da ein Generationswechsel stattfindet. Doch ein Wechsel im Denken? Fehlanzeige.
Nahezu alle Vereine schreiben sich Familienfreundlichkeit, Sonnenterrassen, Geselligkeit und Miteinander groß auf die Fahnen (gähn …). Turnier- und Spitzensport, Nachwuchs- und Talentförderung oder Spitzentennis als Vorbild für die Jugend spielen hingegen kaum eine Rolle.
So bleibt die Entwicklung kommender Spitzenspieler überwiegend Privatsache – getragen von persönlichem Engagement, wirtschaftlicher Unterstützung oder Zufall.
⸻
Wir Älteren kennen Steffi & Boris – und die Jüngeren?

Fragt man Tennisspieler zwischen 45 und 70 Jahren nach ihren Idolen, fallen fast immer dieselben Namen: Steffi Graf und Boris Becker. Doch was antworten die Jüngeren – und ganz Jungen?
Sie gehen, sofern Motivation und Geldbeutel es zulassen, ins Ausland. Sie studieren an US-Colleges, trainieren in den renommierten Akademien von Sánchez, Mouratoglou, Nadal oder Bollettieri. Oder sie werden von Familien, Mentoren, Gönnern und Sponsoren getragen.
Ein fördernder Verein? Fehlanzeige.
Leider haben wir uns in Deutschland so lange vom Spitzentennis verabschiedet, dass uns inzwischen auch hier der Fachkräftemangel eingeholt hat. Tennisvorstände, Vereinstrainer und spielende Mitglieder haben sich über Jahre schleichend vom internationalen Tenniszirkus abgekoppelt. Es fehlt an Fachwissen, an Nähe zum Leistungssport und an echter Tenniskompetenz.
Entschuldigt bitte diese Klarheit.
Ausnahmen bestätigen – wie immer – die Regel.
⸻
Ich glaube an die Institution Verein
Der Tennissport wird auch künftig maßgeblich von Vereinen und Verbänden getragen werden – und ich glaube an diese Institutionen. Umso wichtiger wäre es, innerhalb dieser Strukturen den Blick wieder stärker auf internationale Standards, moderne Entwicklungen und zukunftsfähige Projekte zu richten. Und natürlich auf Nachwuchs und Jugend.
Was spricht gegen eine feste Quote für Jugend-, Nachwuchs- und Spitzensport?
Jeder nach seinen Möglichkeiten – aber ein bis zwei Courts für Jugend, Ambitionen und Leistung sollten in jedem Verein machbar sein.
Erfolgreiche Unternehmen beschäftigen im Vorstand einen CTO – verantwortlich für Innovation und Entwicklung. Genau eine solche Rolle wünsche ich mir auch für unsere Tennisvorstände.
Das wäre ein Anfang.
In diesem Sinne wünsche ich euch allen ein großartiges Tennisjahr 2026, Alexander Zverev seinen ersten Grand-Slam-Titel – und uns allen noch viele Erfolge deutscher Tenniscracks auf der internationalen Bühne.